Was trägt der nicht-kommerzielle Sektor zur Stabilität unserer Gesellschaft bei? Und welche wirtschaftlichen Folgen hat es, wenn dort gespart wird? Diese Fragen stellten wir dem Ökonomen Dr. Dirk Ehnts im Rahmen eines schriftlichen Interviews.
Der Volkswirt befasst sich seit Jahren mit staatlicher Finanzierung, Geldsystemen und makroökonomischer Stabilität – und hält den nicht-kommerziellen Sektor für eine zentrale Säule jeder funktionierenden Gesellschaft:
„Soziale Bindungen und Beziehungen erzeugen erst das, was wir Gesellschaft nennen. (…) Der nicht-kommerzielle Sektor erhöht das Gemeinwohl und ist ein Pfeiler für eine gute Gesellschaft.“
Gerade mit Blick auf gesellschaftliche Resilienz – also die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und sozialen Zusammenhalt zu sichern – sei der Beitrag nicht zu unterschätzen:
„Die Arbeit, die hier verrichtet wird, ist systemrelevant und sollte entsprechend entlohnt werden. Auf vieles können wir verzichten, aber nicht auf das Miteinander.“
Ehnts kritisiert dabei die einseitige politische Fixierung auf betriebswirtschaftliche Kategorien. Die Frage, ob der Staat sich bestimmte Ausgaben „leisten“ könne, müsse vielmehr an den realen Ressourcen bemessen werden – und nicht am Kontostand:
„Das Argument, es wäre kein Geld da, zählt [auf nationaler Ebene] nicht.“
Auch auf regionaler Ebene – wie etwa in der Deutschsprachigen Gemeinschaft– hält er Einsparungen im nicht-kommerziellen Bereich für den falschen Weg. Zwar müsse die grundlegende Finanzierungsfrage vor allem auf nationaler Ebene geklärt werden, so Ehnts, und jede Gesellschaft müsse entscheiden, wie sie ihr Geldsystem handhaben will. Doch auch kleinere Gebietskörperschaften wie die DG sollten, trotz fehlender Steuerhoheit und Abhängigkeit von Zuweisungen, verantwortungsvoll handeln:
„Einsparungen im nicht-kommerziellen Sektor setzen Arbeitskräfte frei und vernichten Wissen und Fähigkeiten. (…) Das kann tatsächlich auch zu höheren gesellschaftlichen Folgekosten führen.“
Er empfiehlt daher, auch auf regionaler Ebene von solchen Kürzungen abzusehen – insbesondere, wenn es keine alternativen Einsatzmöglichkeiten für diese Arbeitskräfte gibt. Statt Kürzungen bräuchte es einen Perspektivwechsel: Gemeinwohlorientierte Leistungen sollten als gesellschaftliche Investitionen verstanden werden – mit langfristigem Nutzen:
„Menschen, die weniger Angst haben vor Einsamkeit, Armut, Isolation, Arbeitslosigkeit, Altersarmut und Krankheit, verhalten sich sehr wahrscheinlich deutlich kooperativer.“
Ein solcher Blick ermögliche es auch, wirtschaftspolitische Fehlanreize zu korrigieren und die gesellschaftliche Debatte zu versachlichen:
„Wir brauchen eine Öffentlichkeit, die aufgeklärt ist über die Funktionsweise des Geldsystems. (…) Die richtige Diskussion ist die, was wir politisch mit den Ressourcen machen, die wir haben.“
Geld, Gesellschaft, Gemeinwohl – was wirklich zählt
„Der nicht-kommerzielle Sektor sollte nicht mit Blick auf Gewinne oder Kosten bewertet werden, sondern mit Blick auf die eingesetzten Arbeitskräfte, die weiteren Ressourcen und die Ergebnisse, die das Gemeinwohl erhöhen.“
Mit dieser Aussage plädiert Dr. Dirk Ehnts für einen Paradigmenwechsel in der ökonomischen Bewertung zentraler gesellschaftlicher Leistungen. Denn: Wer den Wert von Pflege, Bildung oder sozialer Arbeit rein betriebswirtschaftlich bemisst, greift aus seiner Sicht zu kurz.
Wirtschaftlich sinnvoll sei es vielmehr, „Probleme effektiv zu lösen“. Doch gerade das komme in der heutigen Debatte zu kurz: „Bei der Effizienz führt das Konzept dazu, dass nur ein verengter Lösungsraum aufgebaut wird: Märkte mit privaten Unternehmen. Die sind zwar vielleicht effizient, aber ihr Output hat keine Auswirkung auf das politische Ziel.“ Als Beispiel nennt Ehnts die Consulting-Branche, die „sehr viel Geld verschlingt, während gleichzeitig öffentliche Investitionen zurückgehen und die Qualität der öffentlichen Güter und Dienstleistungen abnimmt.“
Diese Entwicklungen stehen sympto matisch für eine verengte Kennzahlen-Logik, bei der das Bruttoinlandsprodukt (BIP) oft als Hauptindikator dient. Doch das BIP sei – so Ehnts – kein objektives Maß für Wohlstand: „Was nicht eingeht, sind Ungleichheit und Ressourcenverbrauch.“ Gerade vor dem Hintergrund von Klimawandel, Nachhaltigkeit und sozialer Ungleichheit brauche es daher alternative Indikatoren, etwa zu „befriedigten Grundbedürfnissen (Wohnen, Arbeiten, Lernen, Freizeit, etc.) und zu deren Preisen“.
Ein stabilisierender Faktor – auch für die Wirtschaft
Dabei sei der nicht-kommerzielle Sektor keineswegs nur aus sozialpolitischer Sicht relevant. Auch wirtschaftlich erfülle er zentrale Funktionen: „Während einige Sektoren stark schwanken, z.B. die Immobilienwirtschaft und private Investitionen in Maschinen, sind andere Sektoren wie auch der nicht-kommerzielle Sektor Stabilitätsanker.“ Die konstanten Ausgaben in diesem Bereich trügen zur Grundnachfrage bei – und damit zur Stabilisierung kleiner und mittelständischer Unternehmen vor Ort.
Das gelte insbesondere in strukturschwächeren Regionen. Hier könnten staatliche Ausgaben gezielt zur Stärkung beitragen. Entscheidend sei, gesellschaftliche Defizite zu erkennen – und gezielt Ressourcen zu mobilisieren. Denn, so Ehnts: „Da es Menschen gibt, die arbeitssuchend sind, lässt sich ein Teil der Ressourcen quasi kostenlos beschaffen, ohne dass woanders die Produktion sinkt.“ Auch in der Deutschsprachigen Gemeinschaft sei das relevant. „Solange es in einer kleinen Region noch Arbeitslosigkeit gibt, sollten die Zuweisungen der Regierung an die Region steigen.“
Keine Einsparungen bei systemrelevanten Leistungen
Was passiert, wenn gerade in diesen Bereichen gespart wird? Aus Sicht von Dirk Ehnts ist das der falsche Weg – auch auf regionaler Ebene. Ein Großteil der Finanzierungsfrage muss national geklärt werden, insbesondere durch ein besseres Verständnis des Geldsystems und politisch erzeugte Fiskalregeln.
Doch auch kleinere Einheiten wie die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens, die keine eigene Steuerhoheit hat, haben einen Spielraum – innerhalb der Verwendung ihrer begrenzten Mittel.
„Einsparungen im nicht-kommerziellen Sektor setzen Arbeitskräfte frei und vernichten Wissen und Fähigkeiten“, warnt Ehnts. In Ostbelgien sehe er nicht, dass diese Arbeitskräfte anderweitig besseren gesellschaftlichen Nutzen entfalten könnten. Stattdessen drohten „höhere gesellschaftliche Folgekosten“, etwa durch „eine Verwaltung von Mangel über höhere Preise“. Entsprechende Entscheidungen, die ihren Ursprung auf EU-Ebene haben, führen wiederum auf anderen Ebenen zu sozialer Ungleichheit und einer "politisch erzeugten Knappheit (...), bei der die Reichen zuerst bedient werden".
Kommentar der Verbände
Das Interview mit Dr. Dirk Ehnts zeigt deutlich: Der nicht-kommerzielle Sektor ist kein Kostenfaktor – er ist ein Fundament unserer Gesellschaft. Seine Leistungen erzeugen sozialen Zusammenhalt, fördern Stabilität und kurbeln die lokale Wirtschaft an. Wer in diesen Sektor investiert, investiert in das Gemeinwohl.
Gerade in einer Region wie Ostbelgien, wo VoGs große Teile der gesellschaftlichen Infrastruktur tragen, dürfen Einsparungen nicht zum politischen Reflex werden. Wir teilen die Einschätzung von Dr. Ehnts und möchten sagen: Ohne die Arbeit nicht-kommerzieller Akteure wäre Ostbelgien nicht der lebenswerte Ort, der es heute ist.
VoGs sind systemrelevant. Ohne VoGs kein „Lebensstandort Ostbelgien“. Und: Dank VoGs… leben wir gut in Ostbelgien.
Diese Botschaften stehen sinnbildlich für die Inhalte, die Sie auf den folgenden Seiten entdecken werden – in konkreten Beispielen, persönlichen Geschichten und fundierten Zahlen.
Das vollständige Interview mit Dr. Dirk Ehnts finden Sie hier: Vollständiges Interview mit Dirk Ehnts